Holz oder Kunststoff?

Oh, das ist ein ganz schwieriges Thema. Gerade bei mir, wo doch da gleich mehrere Herzen in meiner Brust schlagen, um genau zu sein je zwei Herzen in zwei Brüsten. Dies ist nicht falsch zu verstehen, ich meine natürlich die Herzen für Holz oder Kunststoff als Ruderin und als Bootsbauerin.

Kunststoffboot ca. 1984; ich im Bug

Als Ruderin habe ich klarer Weise in Holzbooten begonnen, um 1975 gab es nichts anderes. Ich habe gelernt, fachgerecht mit ihnen umzugehen, das wertvolle Sportgerät zu hegen und zu pflegen, wie die meisten von uns schon betagteren Ruderer. Natürlich kamen irgendwann während meiner Rennruderzeit die Kunststoffboote auf den Markt, das war so um 1980 und schon bald konnte man die Holzschiffe bei internationalen Events an einer Hand abzählen bis sie irgendwann komplett aus der Weltspitze verschwanden. Ich habe also beide Arten von Booten selbst erlebt und erfahren und tue es noch immer.

Als ich 1989 bei der Firma Stämpfli in Zürich meine Bootsbauerei begann, lernte ich, wie mit sehr viel Liebe auf die bekannt traditionelle Art diese wunderschönen Boote gebaut wurden. Der Zug der Zeit fuhr leider zu schnell, die Tradition blieb auf der Strecke, das Stämpfli-Holzboot hatte nach fast 100 Jahren ausgedient.ein Kunststoffboot wird lackiert
Und auch bei mir als Holzliebhaberin hielt das Kunststoffboot Einzug in den bootsbauerischen Alltag. Holz und Kunststoff liegt für mich in im guten Verhältnis zueinander, ausgewogen.

Was sind nun die richtigen Boote? Welche Boote sind besser? Gibt es unterschiedliche Zielgruppen? Sind Boote, die für den Spitzenbereich für optimal befunden werden auch optimal für den Vereinsbetrieb? Sind Kunststoffboote schön?
Viele Fragen, die mir oft gestellt werden und die ich mir selbst oft stelle, siehe oben, die Passagen mit den unzähligen Herzen.

Natürlich gibt es überhaupt keinen Zweifel, dass Spitzenmannschaften in Kunststoffbooten rudern, die leicht und maximal steif sein müssen. Stellt sich nur die Frage, was als Spitzenmannschaft gilt, das geht aber hier zu weit. Okay, die Spitzenmannschaft fährt ein sehr steifes und ultraleichtes Boot, die Kosten spielen kaum eine Rolle.

Gilt das genauso für den Vereinsbetrieb? – Ich meine: Nein.

Im Vereinsbetrieb werden ganz andere Anforderungen an das Boot gestellt. Für die Durchschnittszielgruppe muss das Bootsmaterial

– einen angemessenen Anschaffungspreis haben.
– Langlebigkeit in Aussicht stellen.
– nicht zu empfindlich sein, da das Boot bei unsachgemäßem Handling leicht beschädigt werden kann.
– nicht zu steif sein bei Ruderanfängern, Kindern und Jugendlichen oder älteren Menschen, da ein steifes Boot Fehler oder Unexaktheiten nicht verzeiht. Ein wirklich steifes Boot muss man rudern können.
– nicht das teuerste Gerät sein, in anderen Sportarten gibt es auch große Qualitäts- und Preis-Abstufungen.
– nicht neu sein. Ein gut gepflegtes altes Boot erfüllt die Anforderungen dieser Zielgruppe genauso.

Natürlich gilt das nicht für jeden Verein und für jede Breitensportgruppe. Wieso soll sich ein Mastersruderer nicht den besten und teuersten Einer kaufen, wenn er Spaß daran hat und das nötige Geld? Ich werde auch niemandem vorschreiben, welches Boot er zu kaufen hat, nur anregen zum Nachdenken, ob das richtige Boot auch immer das Richtige ist.

meine LieblingsbootsklasseBei mir persönlich, da ich selbst auf unterschiedlichste Art und Weise rudere, gibt es das komplette Spektrum:

– Rudere ich in einer Mastersmannschaft ein Rennen oder trainiere dafür, sitze ich gern im Kunststoffboot. Voraussetzung ist allerdings, dass die Mannschaft einigermaßen eingefahren ist, sonst ist das steife Boot eine Quälerei, da es umso mehr wackelt. Ist die Mannschaft eingefahren, merkt man, wie das Boot anspringt, Auf- und Abdrehgeräusche sind herrlich zusammen, die Geräuschentwicklung ist relativ hoch, aber das ist nett, wenn alles synchron ist. Es vermittelt eine gewisse Dynamik.

– Beim Einer fahren kommt es bei mir nicht auf Geschwindigkeit an, da ist es egal ob Holz oder Kunststoff. Da stehen bei mir Ruhe und Entspannung an erster Stelle. Das Holzboot ist mir da fast noch lieber, weil es leiser ist.

– Ab und zu nehmen mich die Pirat-Ruderer mit auf eine Donau-Ausfahrt. Da ist natürlich auch Holz angesagt. Auch da geht es ja in erster Linie um die Ruhe, die Entspannung und das Erlebnis in der Natur.

ein SchmuckstückIch vergleiche das Boot gern mit einem Möbelstück oder einem Bücherregal: es gibt funktionelle Möbel wie z. B. das Billi-Bücherregal mit weißer Resopalbeschichtung. Es ist funktionell. Für den Wohnbereich sollte ein Bücherregal allerdings nicht nur funktionell sein sondern auch schön.

2 Replies to “Holz oder Kunststoff?”

  1. hallo Anja,

    finde Deinen Eintrag echt gelungen.
    Finde ebenfalls sehr gut, wie Du den Bogen zwischen weiblicher Anatomie und Rudersport spannst:-)
    Die Bilder schaffen eine sehr eigene Stimmung auf der Seite. Besonders der riesige Opener.

    lg. T:Drucker

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